Warum Messingherz?

Das Schwierigste am Bloggen ist ja nicht, wie man gemeinhin annimmt, die regelmäßige Aktualisierung, die damit verbundene Disziplin, sondern der allererste Schritt, nämlich, unter welchem Pseudonym, unter welchem Namen man das tut. Allzu poetisch oder emotional darf es nicht sein, verhalten sich doch Web 2.0 und Emotionalität wie Feuer und Wasser. Also, schon ist der erste Fehler passiert: Mein Blog drängt einem schon im Titel das Wort HERZ auf.

Allerdings bezieht sich dieses Herz nicht auf wie immer geartete persönliche oder emotionale Befindlichkeiten (diese öffentlich auszubreiten, wäre mir ein Gräuel), nein, es verweist vielmehr auf ein wunderbares Buch des von mir über alle Maßen geschätzten Herbert Rosendorfer.

Jurist von Beruf und Schriftsteller aus Berufung, erzählt er in dem Roman “Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit” die Geschichte von Albin Kessel, einem Schriftsteller, der von Auftragsarbeiten fürs Fernsehen lebt und Populärliteratur über erfundene Völker schreibt, mit mäßigem Erfolg.

Kessel dichtet außerdem mit Hingabe Aphorismen, was Rosendorfer seinen Protagonisten so erklären läßt:

“Albin Kessel war ein literarischer Außenseiter schon allein deswegen, weil er – mit einer Ausnahme – nur kurze lyrische Gedichte und Aphorismen geschrieben hatte. Diese kleinen Formen boten sich Kessel an, weil er schlampig war. Er verlegte oder verlor immerzu Manuskripte. Wenn er einmal, was selten vorkam, ein Gedicht geschrieben hatte, das über mehr als zwei Seiten ging, verlegte er bestimmt eine davon nach wenigen Tagen. (…) Am besten geeignet waren für Kessel Aphorismen, weil er sich die auswendig merkte und dem Redakteur, der sie drucken wollte, durchtelephonierte”

(Man könnte also sagen, Kessel ist der erste Twitterer in der Literatur)

Durch Zufall wird nun Albin Kessel vom Bundesnachrichtendienst angeworben und es entspinnt sich eine herrlich absurde Erzählung über den alltäglichen Wahnsinn in dieser Behörde, ihre in Formalien erstarrten Beamten und den Außenseiter Kessel. Der vielfältig interessierte Dichter und subversive Charakter trifft auf bizarr überzeichnete Beamtenseelen und Dienstanweisungen – doch findet er während der Dienstzeit ausreichend Gelegenheit, seine schriftstellerische Ader auszuleben und vor allem in Rückblenden die Geschichte des Messingherzens zu erzählen, die zugleich die Geschichte der Begegnung mit einem sehr wichtigen Menschen ist.

Ich selbst bin weder Schriftsteller, noch arbeite ich beim BND (sondern bei einer Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Anstaltscharakter). Somit ist der Titel dieses Blogs natürlich vollkommen zufällig, aber den Herren Kessel und Rosendorfer aufs Herzlichste zugeeignet.

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