Da spielt einem der Zufall ein Buch in die Hand, mehr beiläufig liest man den Klappentext, kauft es und beginnt zu lesen.
Ein Berliner Werbetexter, Anfang 30, mehr oder weniger prekär beschäftigt und mit einer “nicht-linearen Berufsbiografie”, verliert seine Arbeit. Die Beziehung mit seiner Freundin in Hamburg geht in die Brüche, als er eines Abends früher als erwartet vor ihrem Haus auftaucht und bemerkt, dass sie ihn betrügt. Er stürzt sich in eine Beziehung mit einer Frau, die aus der Provinz nach Berlin gekommen ist, um ein Volontariat bei einem Filmverleih anzutreten.
Eingehend wird geschildert, wie er sowohl an seiner Zeit, seiner Generation und auch ganz profan an der Bürokratie des Arbeitsamts verzweifelt. Seine Freunde befinden sich in der ähnlichen Situation, Privat- und Berufsleben folgen nicht der von den vorigen Generationen gekannten Geradlinigkeit. Die unbestimmte Ahnung und auch Angst vor einer Zukunft, die doch zwanghaft verdrängt wird und die bizarre Vergnügungssucht in den Kneipen und Clubs Berlins bilden den Hintergrund für diesen Roman, der zu meinem neuen Lieblingsbuch werden könnte.
Der Roman ist fast achtzig Jahre alt, 1931 erschienen und von Erich Kästner: “Fabian / Die Geschichte eines Moralisten”
Und ich frage mich nun, ob sich die Welt oder zumindest die Stadt in achtzig Jahren nicht weiterentwickelt hat, oder ob die ganzen Berlinromane der letzten Jahre einfach nur Fabian 2.0 sind. Kästner jedenfalls hätte keine Probleme, seinen Jakob Fabian im heutigen Berlin wiederzufinden und ihn dasselbe erleben zu lassen und dasselbe sagen zu lassen:
“Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus: Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang (…) Man halte hier jeden Menschen, mit Ausnahme der Kinder und der Greise, bevor das Gegenteil nicht unwiderleglich bewiesen ist, für verrückt. Richten Sie sich danach, Sie werden bald erfahren, wie nützlich der Satz sein kann”


